11. Juli 2009

Vergebung

Früher habe ich immer gesagt, vergeben kann ein Mensch nicht, das kann nur Gott, womit ich mich mit einem eleganten Schachzug meiner persönlichen Verantwortung entledigt und sie - dachte ich jedenfalls - an Gott delegiert hatte. Heute weiß ich (für mich), dass Gott nicht vergibt, weil er keine Schuld kennt und weil es Gott als personales Wesen, das etwas tut, nicht gibt.

Auf für diese Gedanken kam ich gestern, als ich den so bekannten Satz hörte: »wie wir vergeben unseren Schuldigern.« Es war das Wort »vergeben«, über das ich regelrecht stolperte. In der Bedeutung von Worten und begriffen, insbesondere aber auch in zusammengesetzten Worten steckt eine ursprüngliche Bedeutung, die nicht beliebig neu interpretiert werden kann. Schuld vergeben bedeutet also, dass einmal in der Vergangenheit Schuld gegeben worden ist.

Damit stellt sich mir die Frage, was Schuld eigentlich ist. Entsteht Schuld durch die Handlung, oder ist Schuld nicht vielmehr eine Zuweisung, eine Wertung menschlichen Handelns, aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus? Ich denke, genau so ist es, was natürlich nicht bedeutet, dass menschliches Handeln immer »richtig« wäre, wie manche Menschen daraus schließen zu können glauben – eine unerträgliche Ignoranz gegenüber Opfern.

Vergeben kann immer nur, das folgt daraus zwingend, das Opfer einer Tat, niemals ein Anderer, denn auch nur das Opfer kann in diesem Sinne einem Anderen die »Schuld geben«. Das macht übrigens auch die Problematik staatlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Urteilens deutlich.

Was bedeutet es nun aber für das Opfer, Schuld zu vergeben? In erster Linie bedeutet es zu erkennen, dass man jemanden die Schuld gegeben hat am eigenen Erleben, eine Verletzung der persönlichen Integrität.

Vergeben bedeutet also dieses »Geben« als etwas Vergangenes und damit Gewesenes festzustellen, was wiederum bedeutet, dass wir eben keine »Schuld mehr geben«, die Tat also nicht mehr im Hier und Jetzt Bedeutung für uns hat und nicht mehr wirkt.
Daher ist es also möglich zu vergeben, wenn Unrecht wieder gutgemacht wurde. Doch was, wenn Unrecht nicht oder nur unzureichend wieder gut gemacht werden kann?

Ich weiß, dass es durchaus schwierig ist, vor allen Dingen bei gravierenden Taten, eine Tat nicht (mehr) persönlich zu nehmen, betrifft sie einen beziehungsweise hat sie einen doch persönlich betroffen.

Damit stellt sich die Frage, wodurch dieser persönliche Bezug erlöschen kann. Ganz einfach dadurch, dass wir die Tat eines Menschen, also seine Handlungen, in den Kontext der Gesetzmäßigkeiten des Lebens stellen und sie als das erkennen, was sie sind: nicht aus sich selbst heraus existierend, sondern bedingt, Ergebnisse einer unendlichen Kette von Ursachen, die genau zu diesem Handeln geführt haben.

In Allem diese Bedingtheit zu erkennen hilft uns, uns angetanes Unrecht zu vergeben. Das entlastet den Täter nicht, denn er muss weiter mit den Folgen seiner Tat unter Bedeutung für das eigene Leben existieren. Das ist, was bleibt; Schuld aber kann man vergeben. Und das sollte man auch, denn solange man jemanden für schuldig hält, lebt diese Schuld in einem selbst und man wird erst dann inneren Frieden finden, wenn man auch die Handlung, die einem selbst Unrecht zugefügt hat, als Teil des kosmischen Geschehens anerkennt und nicht persönlich nimmt.

Denn auch ich bin nur ein Phänomen des kosmischen Geschehens und keine »dauerhafte« Person, der Unrecht oder Schuld zugeführt werden könnte, auch wenn der Schmerz, den ich in meiner Existenz erlebe, sehr real ist und niemals geleugnet werden darf.

Ich bin mir bewusst, dass diese Gedanken nachzuvollziehen nicht einfach ist. Darum sollte man bei ganz alltäglichen Dingen beginnen, dem nachzuspüren, etwa wenn man jemandem im Gedränge die Schuld gibt, einen angerempelt zu haben, unfreundlich zu uns gewesen zu sein oder uns beleidigt zu haben.

4. Juli 2009

So lange ...

So lange wir darüber nachdenken, haben wir noch weit zu gehen.

Darum ist es so wichtig, darüber nachzudenken!

Immer tiefer, tiefer, tiefer und weiter bis auf den Grund des Seins.

30. Juni 2009

Über Schwierigkeiten im Leben

Die Welt der »zehntausend Dinge« bereitet uns nur dann Schwierigkeiten, wenn wir sie als absolut ansehen und nicht mehr im Bewusstsein der Leere sind.

Hast du Schwierigkeiten im Leben, praktizierst du nicht so, wie du es solltest. Die Zen-Praxis gibt uns keine Antworten darauf, wie wir dieses oder jenes tun müssen, sie zeigt uns aber den Weg zu einem authentischen, wahrhaftigen und wesentlichen Sein.

Kannst du das für dich realisieren, werden dir die »zehntausend Dinge« keine Schwierigkeiten mehr bereit.

20. Juni 2009

Vertrauen in den Meister

Wenn jemand sein Vertrauen in einen Meister setzt, dann ehrt das den Meister und verpflichtet ihn gleichermaßen. Der wahre Meister aber wird das Vertrauen des Schülers zurückweisen in dem Sinne, dass er sagt:

»Nimm mich beim Wort, aber vertraue mir nicht!«

Nicht zu vertrauen heißt ja nicht, zu misstrauen, sondern keine Erwartungen in den Meister zu haben, sondern ihn so zu nehmen, wie er ist und sich ganz auf ihn einzulassen. Dann kann er oder sie dem Meister vollkommen unbefangen in dessen Geist begegnen. Ist der Schüler aber in eigenen Vorstellungen befangen, kann er dem Meister nicht im Geist begegnen. Das ist die Hingabe, die nichts mit Devotismus zu tun hat, es ist das sich Versenken im Geist.

Wenn der Meister es zulässt, dass der Praktizierende ihm im Geist begegnet, dann offenbart er sich dem Schüler vollkommen und so kann der Schüller den Buddha im Meister und so in sich erkennen, denn nur ein Buddha kann einen Buddha erkennen. Nur ist sich der eine Buddha dessen nicht bewusst, weil er ja gerade erst erwacht.
Dieses Erkennen ist manchmal wie ein Blitz und oft erlischt es auch genauso schnell wieder. Darum ist es so wichtig, dass der Schüler lernt, sich selbst zu vertrauen und den Weg zu gehen. So widersetzt er sich allen Versuchungen, die ihm zwangsläufig auf dem Weg begegnen werden.

Der Schüler muss also nicht dem Meister, sondern sich selbst vertrauen, dann kann er sich auch auf den Meister einlassen.

Dass wir in der geistig-spirituellen Kultur des Westens scheinbar solche Schwierigkeiten mit dem Meister-Schüler-Verhältnis haben liegt eben daran, dass die Menschen nicht gelernt haben, sich selbst zu vertrauen, darum wollen sie anderen vertrauen können und vor allem versuchen sie alles unter Kontrolle zu haben, merken dabei aber nicht, dass alleine das Vertrauen in sich selbst sie frei machen kann.

Die im Geist freien Menschen vertrauen sich selbst, indem sie sich im eigenen Geist versenken. Und darum vertrauen sich nicht Anderen – wozu auch? – sondern nehmen die beim Wort und lassen sich so ganz auf sie ein, egal wer das Gegenüber ist. Denn jemand beim Wort nehmen, verlangt ja erst einmal, zu hören und genau wahrzunehmen, was wirklich ist.

7. Juni 2009

»Mu!«

Ein Zen-Mönch fragte Meister Joshu:
»Hat ein Hund Buddha-Natur?«
Joshu antwortete: »Mu!«

Meister Joshus Antwort lautete ganz einfach: »MU!«, »Nichts!«, was jedoch nicht heißen soll, dass ein Hund die Buddha-Natur nicht hat. Joshu war sich sehr wohl bewusst, dass ale Wesen, ohne Ausnahme, die Buddha-Natur haben. Daher darf das »Mu!« nicht als Verneinung verstanden werden, sondern als Aufforderung, aufzuhören die Wahrheit mittels des Verstandes finden zu wollen.

Mit dem Verstand können wir wohl unsere Konditionierungen und unserer mentalen Modelle, unsere Identifizierungen und falschen Wahrnehmungen erkennen, denn sie sind ja ein Produkt des Verstandes und der Verstand ist in der Lage, seine eigenen Strukturen zu reflektieren. Er ist aber definitiv nicht in der Lage, das numinose Sein, die Wahrheit des Lebens, in Worte zu fassen.

30. Mai 2009

Vom willentlichen zum bewussten Handeln

Nichts bringt den Unterschied zwischen willentlichen und bewussten Handeln so gut zum Ausdruck wie dieser Gedanke:

Oft machen wir uns Gedanken darüber, was wir tun könnten.
Wenn wir aus der Erfahrung der Einheit des Lebens agieren, handeln wir.

Viele Menschen, die dies für sich für erstrebenswert halten, fragen ihren Meister, was sie tun müssen, um das zu erreichen. Der wird sie traurig anschauen und sagen »du wirst es nie erreichen«.

Fa Men

28. Mai 2009

Das Lächeln des Buddha

Eine meiner angenehmsten Zen-Übungen ist das Lächeln des Buddha. Paradoxerweise liegt aber gerade in diesem Lächeln die Ursache für vielfache Enttäuschung auf dem Weg des Zen. Ich nenne es die trügerische Faszination des Zen.

Viele Menschen sind nicht nur von dem Lächeln des Buddha fasziniert, sondern auch von der Ruhe und Friedfertigkeit, die von vielen Zen-Meistern ausgeht, die den Weg der Bewusstheit, den Weg des Buddha gegangen sind. Ihre Gelassenheit, aber auch ihre geistige Klarheit und bewusste Präsenz veranlassen die Menschen oft spontan, diesen Weg gleichfalls gehen zu wollen.

Diese anfängliche Faszination, manchmal auch Schwärmerei und Identifikation mit dem Meister schlägt jedoch regelmäßig in Enttäuschung bis hin zur Ablehnung des Meisters um. Der Grund für diese Desillusionierung wird dann aber meist nicht im eigenen, anfänglichen Verhalten, sondern in der Person des Meisters gesucht.

Das ist so, weil sich die wenigsten Menschen bewusst sind, dass der Buddha auf seinem Weg zur inneren Freiheit, zur vollkommenen Bewusstheit und zum Gleichmut nur deshalb zum »Lächeln des Buddha« gefunden hat, weil er den Weg der Läuterung gegangen ist. Diesen Weg sind auch die Meister des Zen gegangen. Und es ist der Weg, den jeder Zen-Praktizierende gehen muss, will er zur vollkommenen Bewusstheit des eigenen Wesens erwachen.

9. Mai 2009

Vertrauen in den eigenen Geist

Das Einzige, worauf sich ein Mensch stützen kann, ist der eigenen Geist. Darum ist es so bedeutend, in den eigenen Geist zu vertrauen, denn nur dann ist es möglich, sich in ihn zu versenken - um zu erkennen, dass nur der Geist wirklich ist.

8. Mai 2009

Selbstgespräche

Ist das eigentlich ein Monolog oder ein Dialog, wenn ich mit mir selbst spreche?

18. April 2009

Gottesbilder

Der Meister hatte Aristoteles zitiert: »Bei der Suche nach Wahrheit wäre es besser, ja tatsächlich unumgänglich, das aufzugeben, was uns am liebsten ist.« Und für das Wort »Wahrheit« setzte er »Gott«.

Später sagte ein Schüler zu ihm: »Ich bin bereit, auf der Suche nach Gott, alles aufzugeben: Reichtum, Freunde, Familie, Land, ja das Leben selbst. Was kann ein Mensch sonst noch aufgeben?«

Der Meister erwiderte ruhig: »Die eigenen Glaubenssätze über Gott.«

Der Schüler ging traurig fort, denn er hing an seinen Überzeugungen. Er fürchtete »Unwissenheit« mehr als den Tod.